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Mittwoch, 20.09.2017

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Karten für Schüler und Studenten sind ermässigt.

Führungszeiten

Kasematten und Lochwasserleitung:
Mo - Fr: 15:15 Uhr
Sa: 11:15, 15:15, 16:15 Uhr
So + Feiertage: 11:15, 15:15, 16:15 Uhr

Historischer Kunstbunker:

täglich: 14:30 Uhr
Fr: zusätzlich 17:30 Uhr

Sa: 11:30, 14:30 + 17:30

So: 11:30 + 14:30

 

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Notoperationen im Paniersbunker

Führungen durch die Altstadt und in Schutzräume erinnerten an den 2. Januar 1945

VON UTE MÖLLER UND CLAUDINE STAUBER

Der verheerende Bombenangriff vom 2. Januar 1945 hat sich tief ins Gedächtnis der Stadt eingegraben. Entsprechend großen Zustrom fanden gestern Führungen durch einen Schul-Bunker und durch die wieder aufgebaute Nürnberger Altstadt. Der 1800 Opfer wurde bei einer Kranzniederlegung am Südfriedhof und mit einem Gottesdienst in der Lorenzkirche (siehe Seite 10) gedacht.

Der Andrang in der Grundschule am Paniersplatz ist riesig, jede Viertelstunde zwischen elf und 17 Uhr gehen Mitglieder des "Fördervereins Nürnberger Felsengänge" hinab in den Luftschutzbunker. Mit jeweils 30 Neugierigen, die nachspüren wollen, wie es gewesen sein mag, als hier unten am 2.Januar 1945 Tausende auf ihren Notkoffern und im Kerzenlicht hockten. Und warteten, was der verheerende Bombenangriff übrig ließ. Von den Häusern, der eigenen Wohnung, den eigenen Habseligkeiten. 800 Besucher stiegen gestern hinab in den Panierskeller, um zurückzublicken.

Seit 1945 ist dieser Bunker zum ersten Mal wieder zugänglich - dank des "Fördervereins Nürnberger Felsengänge". Die Mitglieder haben zwölf Meter unter der Erde Kabel verlegt und Lampen angeschlossen. Wenn die Führungen, die bis 6. Januar täglich von elf bis 17 Uhr im Halbstundentakt weiter gehen, zu Ende sind, wird alles Licht wieder nach oben geholt.

Achtung, die Böden sind uneben, sagt Jürgen Reinhardt vom Förderverein. "Nicht vom Weg abweichen", der Boden in den düsteren Nebenräumen hat Löcher. "Schließlich ist der Bunker nicht auf Führungen ausgelegt."

Ausgelegt war er auf 25000 Schutzsuchende, oft flüchteten aber drei Mal so viele Menschen herunter, "bei Bombenangriffen wackelte es ordentlich, Sand rieselte von der Decke, aber der Bunker war sicher", erzählt Reinhardt. Seine Mutter stand in der Rettungsstelle, die wie die Diensträume für Oberbürgermeister und Gauleitung zu dem verwinkelten Bunker gehörte, am OP-Tisch. "Sie operierte vor allem bei Blinddarm-Entzündungen, Komplizierteres ging im Bunker nicht."

Hier unten erzählen Bohrlöcher und Dübel in den Wänden davon, wo Bänke angebracht waren für die Schüler, die im Bunker unterrichtet wurden. Oder wo die Telefonzellen der Gauleitung standen. Den Nachfahren erzählen Eltern oder Großeltern vom Krieg. "Mein Vater hat gesagt, ich soll mir den Bunker anschauen", sagt die 37-jährige Anja. Vater Erwin hat zu Weihnachten wieder viel geredet vom Januar 1945, den großen Angriff hat er in Ziegelstein überstanden.

"Es ist interessant zu sehen, wie es war", findet Mario Hillebrand. Der Student macht viele Fotos, sucht Spuren der Vergangenheit "und nicht den Grusel-Effekt". Einige Spuren sind in den 80er Jahren mit Beton aus der Spritzdüse verkleistert worden, "man wollte den Bunker absichern", erklärt Jürgen Reinhardt. Viele der Besucher gestern waren zu jung, um Erinnerungen an den Krieg zu haben. Irene Ottes Mutter arbeitete 1945 in einer Fabrik unweit des Dürrenhoftunnels, "sie pendelte jeden Abend nach Postbauer-Heng, aus Angst vor den Bomben". Gestern ging Tochter Irene runter in den Bunker, den die Mutter nie betreten hat.

Daniel Gürtler (24) muss fast schreien. Anschreien gegen den eisigen Wind und die Autoreifen, die laut über das Pflaster der Tetzelgasse rattern. Von Zerstörung und Wiederaufbau spricht der Student vom Verein "Geschichte für alle" bei einer von vier Führungen. Gut 130 Menschen lauschen, nicken, wenn vertraute Adressen fallen, flüstern sich eigene Erfahrungen ins Ohr oder schütteln die Köpfe, wenn Gürtler von den Diskussionen darüber berichtet, wie der Trümmerhaufen Nürnberg wieder aufgebaut werden könnte.

Modernes Wohnen im Ruinenpark Nürnberger Altstadt? Das Zerstörte genau rekonstruieren? Die 188 Teilnehmer des Aufbau-Wettbewerbs von 1947 ließen kaum ein Extrem aus.

Am Beispiel Pellerhaus am Egidienberg ist der Weg zu besichtigen, den man von 1950 an schließlich beschritt: Die Synthese alter Straßen- und Baustrukturen mit zeitgenössischem Bauen. Der Entwurf der Architekten Fritz und Walter Mayer setzte auf die Reste des Erdgeschosses von Nürnbergs schönstem Bürgerhaus ebenfalls klare, moderne Formen - und provoziert damit noch heute die ältere Generation. »Eine Schande« zischt eine Zuhörerin beim Blick auf die Fassade, vor der momentan ein riesiges Foto der Zerstörung hängt.

Links daneben steht ein Ruinenrest des einstigen Peststadels, eines Korn- und Salzspeichers mit riesigem Dach. Er sollte originalgetreu wieder aufleben, wurde jedoch 1963 abgerissen, weil die Tetzelgasse breiter werden musste. Als "zweite Zerstörung Nürnbergs" geißeln Kritiker rückblickend den Einzug der autogerechten Stadt. Zu den zehn Millionen Tonnen Kriegsschutt, die zum Silber- und zum Marienbergbuck aufgetürmt wurden, kamen in den 60er und 70er Jahren noch viele dazu. Auch die Museumsbrücke, doppelt so breit wie vor dem Krieg, war keineswegs als die Promenade erdacht, die sie heute ist. Hier floss der Verkehr jahrelang vierspurig.

Im Hintergrund knallen die letzten Silvesterböller, als Daniel Gürtler von der Siegesfeier der Amerikaner auf dem Hauptmarkt berichtet. Von den Reden der Militärs, die über leere Flächen bis hin zum Prinzregentenufer hallten. Es sind Junge und Alte, die Gürtlers Führung trotz roter Nasen und eisiger Füße verfolgen.

Die wenigsten haben die Bomben selbst fallen sehen. Die Mutter habe davon erzählt, sagt eine Teilnehmerin. Eine andere, Jahrgang 44, hat vor Nürnbergs erstem Konsumtempel, dem einst umstrittenen Kaufhof von 1950, Kindheitserinnerungen. Die Rolltreppe habe Kinder damals magnetisch angezogen.

Bunkerbesuch und Stadtrundgang - sie waren für die Teilnehmer auch eine Art Gedenken an die Opfer des Bombenangriffs vom 2.Januar 1945. Die Stadt Nürnberg und die Dekane der katholischen und der evangelischen Kirche, Theo Kellerer und Michael Bammessel, gedachten gestern auch mit einer Kranzniederlegung auf dem Südfriedhof der Opfer.

Für ihn stelle sich die Frage, wie man angesichts der aktuellen Flutkatastrophe mit den Opfern von vor 60 Jahren umgeht, sagte Oberbürgermeister Ulrich Maly. Doch trotz des gegenwärtigen Leids sei es wichtig, zu gedenken. Denn hinter jedem Bombenopfer stehe eine persönliche Geschichte.

Das Leid von damals erinnere daran, dass "im Krieg jeder zum Opfer wird". Sich zu erinnern, berge die Chance, so zu handeln, dass Krieg und Rassenhass unmöglich werden.

Mit freundlicher Genehmigung der Nürnberger Nachrichten